Entwicklung der Schule seit 1962

 

Die Einstellung zu körperbehinderten Menschen war im Verlauf der Geschichte einem steten Wandel unterzogen. Sie schwankte zwischen Akzeptanz bzw. Duldung und offener Ablehnung. Immer wieder wurden körperlich Behinderte ihrer Behinderung wegen diskriminiert, verfolgt, sogar physisch vernichtet (Sparta, Drittes Reich). In vielen Kulturen wurden sie aus Scham oder aufgrund religiösen Schuldbewusstseins in Häusern oder hinter Klostermauern versteckt.

 

Erst in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts begannen die Eltern behinderter, auch schwer körperlich und geistig behinderter Kinder, sich mit ihren Problemen und Erwartungen an die Öffentlichkeit zu wenden. Staatliche und private Hilfsschulen, die für Sinnesgeschädigte und Lernbehinderte schon eine längere Tradition hatten, öffneten sich nun auch zunehmend für körperlich und geistig behinderte Kinder.

 

In der Gesetzesgebung (Bundessozialhilfegesetz, Sonderschulgesetze in den Bundesländern) wurde zunehmend festgelegt, dass Schulpflicht, Recht auf Bildung, Recht auf ein erfülltes Leben auch für diesen Personenkreis gelten. Behinderte Kinder sind wie alle Kinder gleichwertige und daher auch gleichberechtigte Bürger unseres Staates.

 

Ziel aller Bildungsbemühungen im Sonderschulbereich war es immer, den behinderten Jugendlichen so weit als möglich zu befähigen, sich des Wertes seiner Person bewusst zu werden und einen Weg zu gehen, der es ihm erlaubt, an den Interaktionen innerhalb unserer Gesellschaft im Rahmen seiner Möglichkeiten teilzunehmen.

 

Dies führt auch zur Verpflichtung des Gemeinwesens, des Staates, Hindernisse und Hürden bei der Beschreitung dieses Weges durch Gesetze, Verordnungen, Baumaßnahmen und unterstützende Hilfen aus dem Weg zu räumen und dafür Sorge zu tragen, dass die aktive, selbstgetragene Integration des körperlich Behinderten in die Gesellschaft auch möglich wird. Erst in letzter Zeit wurden die gesetzlichen Voraussetzungen hierfür geschaffen (Behindertengleichstellungsgesetz, in Kraft getreten am 01.05.2002) .

 

Im Jahre 1962 wurde in Saarbrücken-Malstatt auf Grund einer Elterninitiative eine Sonderschule für dreizehn spastisch gelähmte Kinder und Jugendliche gegründet. Die Schülerzahl wuchs rasch an, die Schule zog mehrfach um (1964 Saarbrücken, Ziegelstraße - August 1973 Teilung Saarbrücken und Püttlingen/Ritterstraße - seit 1984 in Püttlingen am Trimmtreff) .

 

Im August 1987 wurde im Saarland die Verordnung über die gemeinsame Unterrichtung von Behinderten und Nichtbehinderten in Schulen der Regelform (Integrations-Verordnung) verabschiedet. Dieser Form der integrativen schulischen Förderung stellte sich auch unsere Schule erfolgreich. Neben der Unterrichtung der eigenen Schüler/innen wurden noch etwa 25 - 30 Schüler vom Personal unserer Schule jährlich in Formen der Regelschulen integrativ mitbetreut. Nach Gründung der sonderpädagogischen Förderzentren 1999 wurde diese Form der Förderung abgegeben. Allerdings werden weiterhin einzelne Betreuungsmaßnahmen von Lehrkräften unserer Schule durch Abordnungen an die Förderzentren unterstützt.

 

Seit den 90er Jahren ist die Schülerzahl an unserer Schule stetig gestiegen. Zwischenzeitlich sank zwar infolge des Geburtenrückganges und der zunehmenden Akzeptanz der Förderung behinderter Kinder in der Regelschule durch Gesellschaft und Eltern die Schülerzahl etwas, aber schon seit einigen Jahren steigt die Schülerzahl kontinuierlich weiter.

 

Waren es im Jahr 1962 nur 4 Lehrkräfte, die 13 Kinder unterrichteten, so sind es zur Zeit (2016/17) insgesamt 50 Personen (teils in Teilzeit), die sich um 135 körperbehinderte Kinder bemühen. Unterstützt werden diese weiterhin durch nichtlehrendes Personal (4 Regierungsbeschäftigte), Bundesfreiwilligendienstleistende, Helfer/innen des Freiwilligen Sozialen Jahres und einer unterschiedlichen Anzahl von Praktikant/innen.

 

Alle Schüler/innen der Schulen für Körperbehinderte haben einen umfangreichen und teils auch sehr differenzierten Anspruch auf Förderung. In zunehmendem Maße standen in den letzten Jahren schwerst- und mehrfachbehinderte Kinder zur Aufnahme in unsere Schule an. Die Aufnahme dieser Kinder bedingt eine intensive Betreuung im lebenspraktischen Bereich, stellt aber auch die Aufgabe, diesen jungen Menschen für die Zukunft die Möglichkeit eines sinnerfüllten Lebens zu eröffnen.

 

In den Situationen des Schulalltags ist darauf zu achten, den Schülerinnen und Schülern Möglichkeiten zur Selbstbestimmung und zur Selbständigkeit zu eröffnen. Selbstbestimmtes Handeln ist auch dann zu gewährleisten, wenn die motorischen Kompetenzen Behinderter die eigenen Ausführungen erheblich oder gänzlich ausschließen.

 

In den Bereichen der unterrichtlichen Förderung, der Therapie und der Pflege entsteht ein hoher Kompetenzanspruch, der die Leistungsfähigkeit einer einzelnen Lehrkraft schnell übersteigt. Daher ist die Zusammenarbeit von Lehrkräften verschiedener Disziplinen notwendig. Dieser Aufgabe stellen sich im Team der Schule Sonderschullehrer, Lehrer, Erzieher mit sonderpädagogischer Zusatzausbildung, Pflegekräfte, Physiotherapeuten, Ergotherapeuten, Logopäden und Ärzte.

 

Schüler/innen einer Schule für Körperbehinderte bedürfen in unterschiedlichem Maße zur Planung und Gestaltung ihrer Lebensperspektiven während und nach der Schulzeit vielfältiger Hilfe, die häufig die schulischen Möglichkeiten der Förderung überschreiten. Daher ist es unerlässlich, in enger Zusammenarbeit mit den Eltern zu kooperieren. Vor allem die Zusammenarbeit mit außerschulischen Partnern - genannt seien hier exemplarisch medizinisch-therapeutische Einrichtungen, soziale Dienste, die Kirchen, berufsvorbereitende Einrichtungen, Vereine und andere Freizeiteinrichtungen - ist für die Entwicklung einer Zukunftsperspektive behinderter Menschen von großer Bedeutung.

 

Dabei ist es unerlässlich, die Kinder und Jugendlichen in die aktive Gestaltung dieser Außenkontakte einzubeziehen.

 

Es ist und wird vorrangiges Ziel des Kollegiums in Zusammenarbeit mit der Elternschaft sein, die Integration unserer Schülerschaft in die Gesellschaft zu fördern.

 

(Gerd Exner, Sonderschulrektor an der SfK-Püttlingen von 1992 bis 2007)